Joachim im Interview

Braunes, zerzaustes Haar, ebenso braune Augen, ein grauer Hoodie und schwarze Jeans. Den 15-Jährigen kennen wir wegen seiner Vergangenheit. Als er vier Jahre alt war, stürzte sein Vater vom Balkon. Seitdem plagen ihn Alpträume, Halluzinationen, Angstzustände. Joachim erzählt im Interview mehr von sich und seinen Erfahrungen.

 

Hallo Joachim! Es freut mich, dich in diesem Interview begrüßen zu dürfen. Was ist das früheste Erlebnis, an das du dich erinnern kannst?

Das ist natürlich die, wie mein Vater starb. Ich glaube, wenn einem sowas passiert ist, kann man es kaum vergessen. Trotz zahlreicher Therapien konnte ich noch nichts dagegen tun.

 

Das tut mir leid. Wer war denn, als du klein warst, deine wichtigste Bezugsperson?

Mein Vater. Obwohl er tot ist, kreisten meine Gedanken stets um ihn. Was hätte er bei meiner Einschulung gesagt? Oder als ich auf die Gesamtschule kam? Ich vom Skateboard gefallen und mir das Knie aufgeschlagen habe? Ich glaube, das Schlimmste ist nicht zu wissen, wie er war. Ich war zu klein, um mich an ihn zu erinnern.

 

Wo bist du denn aufgewachsen und wie verlief deine Kindheit nach dem Tod deines Vaters?

Nach dem Tod war es sehr schlimm. Ich konnte nachts nicht schlafen, hatte Albträume. Wir mussten umziehen, weg von dem Haus mit dem Balkon in ein kleines, ebenerdiges Appartment. Da wohnen wir heute noch. Meiner Mutter hat alles getan, was sie konnte, um mir zu helfen. Sie hat aber natürlich auch getrauert und da war noch meine kleine Schwester, die damals erst ein Jahr alt war. Ich glaube, dass es für niemanden leicht war.

 

Ja, das kann ich gut nachvollziehen. Wie war es denn in der Schule bisher?

Na ja, meine Grundschulzeit war in Ordnung. Ich hatte Freunde und mein Leben verlief größtenteils so wie das der anderen. Dass ich nachmittags zu den Therapien musste, störte manchmal, aber Kinder kriegen sowas noch nicht so mit, glaube ich. Wenn ich in der Schule war, war ich einer von vielen. Ich war gut im Sport und gehörte zu denen, die nicht gemobbt wurden. In der Oberschule wurde es schlimmer. Ich habe ein paar Kumpels, auch einen aus der Grundschule in der Klasse. Sie stellen mehr Fragen. Es geht mehr um Äußerliches. Ich bin jetzt in der 10., da sind Aussehen und Freundinnen wichtig. Hinter der Schule hab ich mal ein Mädchen geküsst, dass meinen Skaterlook cool fand. Ansonsten hab ich nicht viel Erfahrung mit Mädchen, obwohl ich eins ganz süß finde …

 

Bleiben wir bei den guten Dingen. Was ist deine schönste Erinnerung?

Die an meine kleine Schwester. Nach einer Panikattacke nahm sie mich in den Arm. Ich sah, dass sie Angst vor mir hatte, dennoch kam sie zu mir und tröstete mich. Als kleine Schwester! Ich hätte ihr nie solchen Kummer bereiten sollen.

 

Und jetzt deine schlimmste Erinnerung.

Von wegen gute Dinge. Lacht. Abgesehen von meinem Trauma wohl, als ich das halbe Haus auseinandergenommen habe. Meine Mutter war außer sich … Das war noch ganz früh, da hatte ich im Fernsehen einen Balkon gesehen. Ich drehte durch … Bis ich wieder klar denken konnte, waren schon das Wohnzimmer und die Küche verwüstet.

 

Abgesehen davon, gab es Unfälle in deinem Leben?

Einmal habe ich mir beim Skaten den Arm gebrochen und bin letztes Jahr mit einem Kumpel vom Moped gestürzt. Wir hatten einen Unfall mit einem Auto. Es war Glück, dass wir noch leben. Unsere Beziehung hat sich seitdem verändert. Wir wissen, dass wir dem anderen vertrauen können.

 

Würdest du gern etwas ungeschehen machen?

Jetzt wird’s tief. Eigentlich jeden Moment, in dem ich meine Schwester verletzt oder ihr Kummer bereitet habe. Ich bin manchmal sehr eifersüchtig auf ihr normales Leben. Dann weiß ich wieder, dass ich oft für ihren Schmerz verantwortlich bin.

 

Was ist deiner Meinung nach das Wichtigste im Leben?

Liebe. Nein, ehrlich. Weil es so viel umfasst. Verständnis, Nähe, Freundlichkeit, Akzeptanz und Toleranz. Ich denke, es ist das Wichtigste, was ein Mensch braucht.

 

Was möchtest du in deinem Leben noch erreichen?

Ey, ich bin 15! Lacht. Nach der Schule will ich Illustrator werden. Und meine Angst verlieren. Das wäre cool.

 

Wovor hast du heute noch Angst?

Noch immer das Trauma. Tja … und Mädchen ansprechen. Lacht.

 

Was denkst du, bist du für ein Mensch?

Ich glaube, ich bin auf der einen Seite stark und auf der anderen schwach. Ich bin jetzt so lange mit dieser Angst durchs Leben gegangen. Ich weiß gar nicht, wie das Leben ohne sie wäre. Das macht mich stark. Dann habe ich Tage, an denen ich am liebsten sterben würde … Wenn ich schwach bin und nicht mehr kämpfen kann. Doch dann denke ich an meine Mutter, meine Schwester, meine Kumpel … Dann weiß ich, wofür ich lebe und dass ich geliebt werde.

 

Und wie denken andere von dir?

Ich glaube, manche halten mich für einen Freak. Wer mich in der Stadt sieht, wie ich zwischen Autos kauere, der denkt doch, ich bin verrückt. Meine Freunde kennen mich und helfen mir, wo sie können. Meine Familie auch. Ihnen allen bin ich sehr dankbar.

 

Vielen Dank, Joachim. Schön, dass du hier warst. Bis bald!

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