Foto von Joachim, Kurzgeschichte
Foto: thispersondoesnotexist.com

Kurzbeschreibung

Wie fühlt es sich an, Angst zu haben? Der 15-jährige Joachim kämpft mit seinen Ängsten, die ihn zu bezwingen drohen.

 

Für Lesefaule

Joachim

Dicke, graue Wolken hingen über der Stadt. Joachim hockte auf dem Bordstein, am ganzen Körper zitternd, beide Hände um die Knie geschlungen. Er trug eine verwaschene blaugraue Jeans und einen quietschgrünen Hoodie. Die Füße in den Sneakern standen auf dem Kopfsteinpflaster. Er kauerte zwischen zwei Autos und hoffte, die Panik würde aus seinem Herzen weichen. Stattdessen bäumte sie sich auf, wurde stärker, Erinnerungen gesellten sich zu ihr. Sie schwirrten ihm im Kopf herum. Schweißperlen tropften von Joachims Stirn.

«Verschwindet!», schrie er sie an.

Doch trotzig ließen sie die Realität mit seinen Träumen verschwimmen. Ein Mann, der auf dem Fußgängerweg flanierte, rümpfte die Nase.

«Wieder so ein Verrückter auf offener Straße. Wann steckt die endlich jemand in die Klapse?», zeterte er.

Joachim hörte den Mann und hörte ihn nicht. Die Balkone an den Häuserfassaden reckten und streckten sich nach ihm. Mit ihren Geländern winkten sie ihm spitzbübisch zu. Als sich einer von ihnen von der Wand löste, breitete sich noch mehr Entsetzen in seinem Herzen aus. Die Halterung brach aus der Fassade. Beton glitt schabend an
der Mauer hinab. Er barst mit einem dumpfen Geräusch in zahlreiche Brocken.

Joachim öffnete den Mund zu einem stummen Schrei. Die Bilder rasten und überschlugen sich noch heftiger vor seinem inneren Auge.

Der Morgen war strahlend hell, als sein Vater vor ihm am Geländer des Balkons lehnte. Er trug einen Strohhut, ein locker fallendes Hemd und eine löcherige Jeans.

«Komm her zu mir, mein Junge», sagte er lächelnd.

Der fünfjährige Joachim trat einen Schritt auf seinen Papa zu. Im nächsten Moment löste sich die morsche Halterung des Geländers und das Lächeln verschwand aus dem Gesicht seines Vaters. Als das Metall hinter ihm nachgab, stürzte er in die Tiefe. Der kleine Jochi sah seinem
Papa und dem Geländer stumm hinterher. Fiebrig suchte das Kinderhirn das Geschehen zu begreifen. Endlich wand sich ein Schrei aus seiner Kehle.

Er war ohrenbetäubend und fuhr kalt durch seine Glieder. Joachim sprang auf und rannte los. Ein weiterer Balkon löste sich von den Reihenhäusern. Seine Ohren dröhnten. Der Nächste begann zu bröckeln, brach ab, prallte auf und zerbarst. Dann wackelten alle Balkone auf beiden Seiten der Straße. Wie ein Tier in der Falle suchte Joachim panisch nach einem Ausweg. Kopflos stürzte er durch die Straßen. Als er durch die Pfützen lief, sprang das Wasser an seinen Hosenbeinen hoch bis zu den Oberschenkeln. Sein Herz raste und sein Atem war unregelmäßig. Beinahe fiel er über einen achtlos abgestellten E-Scooter. Nur im letzten Moment gewann er die Kontrolle über seinen Körper zurück.

Weiterlaufen, befahl er sich selbst. Auf beiden Seiten lösten sich mehr und mehr Balkone von den Häuserwänden. Die Straße, auf der Joachim lief, kreuzte eine andere. Er rannte über das Kopfsteinpflaster. Autos hupten, Balkone krachten um ihn herum. Er stolperte über einen Bordstein und fiel mitten auf dem Gehweg auf die nasse Erde. Joachim fluchte laut und rappelte sich auf.

Als ein weiterer Balkon haarscharf an seinem Kopf vorbei rauschte und neben ihm auf dem Boden zersprang, kniff er die Augen fest zusammen. Er legte seine Hände auf beide Ohren. Joachim sah sich schon zerquetscht unter dem kalten Stein. Blut sickerte darunter hervor. Nur seine leblose Hand war zu sehen. Er versuchte, diese Bilder mit dem Kopf davon zu schütteln, doch er konnte ihnen und den
Geräuschen nicht entkommen. Er öffnete die Augen und lief weiter. Ein eisiger Griff hatte sein Herz ergriffen.

Hinter der nächsten Kreuzung erblickte Joachim endlich einen Park.

Ich muss es über die Ampel schaffen, schoss es ihm durch den Kopf.

Das Ampelmännchen leuchtete rot. Zahlreiche Fahrzeuge kreuzten die Straße. Einen Moment lang wartete Joachim, doch die Laute und Bilder, die seinen Verstand zersetzten, waren zu verstörend.

Er rannte los. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Das Adrenalin pulsierte durch seine Adern. Die Reifen eines Autos quietschten. Es schlingerte zur Seite. Aus den Augenwinkeln nahm Joachim mit Entsetzen wahr, dass gar niemand am Lenkrad saß.

“Scheiße!”, schimpfte er und sprintete die letzten Meter auf die andere Straßenseite.

“Schon wieder so ein Penner,” murmelte eine Frau, die mit ihrem Kinderwagen an der Ampel wartete.
Joachim kümmerte es nicht. Er sprang über den Zaun der Parkanlage, hechtete durch das Gebüsch und erreichte die andere Seite. Unverhofft war er umringt von Blumen. Er erblickte Traubenhyazinthen, Milchsterne, Blausterne und Hasenglöckchen. Ihre Kelche waren geöffnet. Dazwischen tanzten Schmetterlinge. Aus der Ferne hörte er Spatzen zwitschern und Menschen, unter deren Schuhen Kiesel knirschten. Im Herzen der Blumen stehend, erschien Joachim die dichte Wolkendecke wie frisch geschorene Schafswolle.

Vor einer pastellblau gestrichenen Bank blieb er stehen und plumpste schwer atmend auf ihr nieder. Mit beiden Händen bedeckte er sein Gesicht und ließ die Ellenbogen auf seinen Oberschenkeln ruhen. Joachim roch die Erde an seinen Fingern und fühlte, wie die nasskalten Hosenbeine um seine Waden schlotterten.

Eine Weile saß er bloß auf der Parkbank. Schließlich schob er eine Hand in die Hosentasche und nahm sein Smartphone heraus. Er aktivierte das Display und tippte seine PIN ein. 1978. Er drückte das Telefonzeichen und wartete. Der Freiton läutete ein paar Mal, bevor eine Frauenstimme abnahm.

«Hol mich bitte raus. Ich kann das nicht», bat Joachim in das Mikrofon.

Er legte auf, steckte das Gerät zurück in die Hosentasche und brachte aus der anderen einen Fidget Spinner hervor, den er zwischen seinen Fingern tanzen ließ. Nach einer Weile kamen ein paar Jungen auf ihn zu, die in seiner Stufe sein könnten.

“Sieht gut aus, Alter. Kann ich auch mal?”, fragte der Eine mit zerzaustem braunem Haar und blauen Augen.

«Klar», erwiderte Joachim, stoppte den Spinner und gab ihn dem Braunhaarigen. Als das Fingerspiel langsam in Gang kam, huschte ein Lächeln über sein Gesicht.

«Wo haste das denn gelernt?», fragte der Andere. Seine haselnussbraunen Augen leuchteten.

«In der Schule und vor den Therapien.»

«Biste ein Verrückter?»

«Ne», erwiderte Joachim und zuckte mit den Achseln.

«Krank.»

«Alles klar», gab der Blonde zurück. «Hab noch keinen Kranken so gut mit dem Teil umgehen sehen. Alle Achtung!»

Er grinste und nahm nun dem Braunhaarigen den Spinner ab. In diesem Moment erblickte Joachim seine Mutter. Sie kam zu der pastellblauen Bank gelaufen. Er blickte zu den Jugendlichen, dann zu ihr. Werde ich je so sein wie sie, fragte er sich stumm.

Sie setzte sich zu ihm auf die Parkbank und nahm seine Hand in ihre. Gemeinsam betrachteten sie den Sonnenuntergang, der den Horizont in ein Farbenmeer tauchte.